ETH Zürich | Exkursion

By admin, 28. April 2016

Nachbericht Zürich Exkursion

Gemeinsam mit Studierenden der internationalen Master-Programme MCDC und IFDC der Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Detmold machte sich eine Gruppe der Master-Vertiefung Corporate Architecture vom 11. – 13. April auf den Weg nach Zürich, um neue Wege der digitalen Formfindung und Fertigung, sowie interessante themenrelevante Architekturprojekte kennen zu lernen. Ziel der Exkursion war es, den Studierenden einen vertiefenden Einblick zu computergestützten Methoden in der Architektur zu geben und innovative Ansätze in Forschung und Praxis aufzuzeigen. Darüber hinaus wurden Projekte besichtigt, die sich mit dem aktuellen Thema des Projektentwurfs RaumLabor – Arbeit 4.0 auseinandersetzen.

Geleitet wurde die Exkursion von Prof. Marco Hemmerling, der von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Katharina Koppe begleitet wurde. Prof. Marco Hemmerling, der zum Sommersemester die Professur für CAD, Geometrie und Darstellung im Institut 02 (CIAD) übernommen hat, gab mit der Exkursion seinen Auftakt an der Fakultät für Architektur.

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Bild 01: Die Exkursionsgruppe vor der ETH Zürich

 

Zu Beginn der Reise lernte die Gruppe mehrere Forschungsinstitute am Department Architektur der ETH Zürich aus der Nähe kennen. Dr. Matthias Rippmann stellte uns die Arbeiten der Block Research Group (BRG) vor, die sich intensiv mit der Analyse und Erprobung von Methoden zur computerbasierten Formfindung und robotergestützten Technologien in der Bauproduktion beschäftigt. An der Schnittstelle von Entwurf und Fertigung werden dort z.B. mit Sensoren ausgestattete Roboterarme eingesetzt, die den Forscher direkt an seinem Arbeitsplatz bei der Analyse, Formfindung und Prototypenentwicklung von druckbelasteten Schaltragwerken unterstützen.

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Bild 02: Unterstützung im Gestaltungsprozess durch druck-sensitive Roboterarme.

 

Ebenfalls von der digitalen Welt fasziniert ist man am Institut für Digital Building Technologies (dbt). Prof. Benjamin Dillenburger stellte der Gruppe einige Beispiele für additive Produktionsmethoden (3D-Druck-Technologie) vor, die an seinem Institut erforscht werden. So wurden beispielsweise ganze Räume aus einer Mischung aus Sandstein und Bindemitteln bereits in 3D gedruckt. Derzeit wird am Institut ein Projekt für die kommende Architekturbiennale in Venedig vorbereitet.

Bei Gramazio Kohler Research (G&K) erlebten wir unter anderem, wie große Datenmengen durch Anwendung von Algorithmen zur Form- und Strukturfindung beitragen können. Das Institut erforscht den Zusammenhang zwischen Material, Daten und innovativen Produktionsmethoden. Das Team experimentiert mit Prototypen, die von Maschinen gebaut werden und den Gestalter dazu befähigen sollen, neuartige architektonische Ausdrucksmöglichkeiten zu entwickeln, die über die Grenzen traditioneller Bauweise hinaus gehen. Gefördert vom Nationalen Kompetenzzentrum in der Forschung (NCCR) entsteht derzeit an der ETH das europaweit größte Zentrum für die Erforschung von Digitaler Fabrikation.

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Bild 03: Erläuterungen zur robotergestützten Fabrikation einer freigeformten Ziegelwand am Institut von Gramazio & Kohler.

 

Zum Abschluss des ersten Tages lernten wir die Arbeiten des postgradualen Studiengang Digital Fabrication (DFAB) kennen und bekamen einen Einblick in die theoretischen und trans-disziplinären Arbeiten der Professur CAAD, die den Einfluss der Informationstechnologie auf die Architektur im globalen Kontext erforscht.

Viele Projekte, die an der ETH vorgestellt wurden, machten den Tag zu einem Ausflug in die Zukunft. Nicht alles konnte unmittelbar für die Gestaltung von Architektur eingesetzt werden; jedoch waren viele Themen bereits so konkret erforscht, dass sich erahnen lässt, welche Möglichkeiten den Architekten in naher Zukunft zur Verfügung stehen werden und wieviel Potenzial bereits für unsere Studierenden darin steckt.

Von der Theorie in die Praxis ging es am zweiten Tag:

Hanno Stehling, einer der Partner von Design to Production, stellte uns die Arbeit des Büros an der Schnittstelle von Planung und Fertigung vor. Das junge Team unterstützt Architekten und ausführende Gewerke dort, wo der Entwurf aufgrund seiner Komplexität in Form und Gestaltung mit traditionellen Werkzeugen nicht mehr umsetzbar ist. Durch den Einsatz parametrischer Programmierung ist es möglich, diese Entwürfe in der Detailierung, der Materialoptimierung und letztendlich in der digitalen Fabrikation effizient umzusetzen.

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Bild 04: Aufmerksamkeit bei Design to Production

 

Im Büro SchindlerSalmerón geht es weniger um das Digitale, als um die Freude am Entdecken neuer Formen, Strukturen und Produktionsmöglichkeiten. Margarita Salmerón Espinosa und Christoph Schindler entwerfen Möbel, die durch Faltung, Biegung, Zusammensetzung ungewöhnlicher Materialien oder neuartiger Formen entstehen. Zuletzt wurden Möbel aus dem Repertoire des vergleichsweise kleinen Büros im Google Headquarter in Zürich eingesetzt, das wir am letzten Exkursionstag noch besichtigen wollten.

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Bild 05: Christoph Schindler beschreibt die Konstruktion seines Hockers mit Materialien aus dem Schweizer Wald.

 

Von kleinem zum ganz großen Maßstab führte uns Björn Rimmer, Associate-Partner im Büro EM2N, mit dem Projekt Toni-Areal. Die ehemalige Fabrik für Verarbeitung von Molkereiprodukten wurde von 2008 bis 2014 in ein kreatives Zentrum umgewandelt: Auf 87.000 qm haben nun die Züricher Hochschule der Künste und zwei Departements der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften, sowie das Museum für Gestaltung einen gemeinsamen Ort gefunden. Viele junge Menschen, die Kunst, Tanz, Film und Musik studieren beleben zusammen mit dem Museum für Getsaltung seitdem das Viertel um das Toni-Areal, das u.a. durch diese Maßnahme eine neue Ausrichtung erhalten soll.

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Bild 06: Einblick (inkl. Hörprobe) in die akustisch-optimierten Proberäume für Orgel und Klavier im „Toni“.

 

Am letzten Tag teilte sich die Gruppe auf: Während die Detmolder an einem 3D –Modellierungsworkshop an der ETH Zürich teilgenommen haben; nahmen sich die Kölner Master-Studierenden ausgiebig Zeit, um weitere interessante Züricher Architektur-Projekte zu entdecken.

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Bild 07: RhinoVault-Workshop mit Dr. Matthias Rippmann von der Block Research Group an der ETH Zürich.

 

Im Viadukt konnte das Büro EM2N eine Maßnahme umsetzen, die die Studierenden im Projektentwurf des letzten Semesters an einem Kölner Standort bearbeitet haben: Die Bahnbögen unter innerstädtischen Gleisen wurden saniert und für diverse Nutzungen ausgebaut. Die Belebung der Straße durch Geschäfte, Büros, die Markthalle und eine Co-Working-Initiative zeigt deutlich, welche Impulskraft die Nutzung von Leerflächen in der Stadt für den Standort haben kann.

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Bild 8: Die größte Fläche im Viadukt nimmt die Markthalle ein – wo sich alles um Genuss dreht: Es können marktübliche Produkte an kleinen Ständen gekauft werden; gleichzeitig steht ein Restaurant zur Verfügung.

 

Passend zum aktuellen Projektentwurf, der sich unter dem Titel Arbeit 4.0 mit zukünftigen Arbeitswelten auseinandersetzt, wurden zwei Co-Working Projekte besucht: Im Viadukt entdeckten wir zwei Bahnbögen, die nun Arbeitsplätze, Meetingräume, einen Veranstaltungsraum und Come-together-Places für ein Netzwerk von Freiberuflern und Start Ups anbieten. Den Vorteil, flexibel und kostengünstig Raum anzumieten haben auch die Mitglieder im Impact Hub Zürich, nur das der zweite Standort am Limmat wesentlich großzügiger und durch ein öffentliches Café ergänzt ist. An beiden Orten konnten wir durch Gespräche mit den Betreibern, bzw. Nutzern erfahren, dass die Flexibilität den meisten am wichtigsten ist. Vielen sind die Raummieten in Zürich auf Dauer zu teuer. In Co-Working Initiativen wird gezielt nur der Raum angemietet, der tatsächlich gebraucht wird. Dh. Arbeitsplatz oder Besprechungsraum – und das in der Zeit, in der er tatsächlich genutzt wird.

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Bild 09: Blick in den Veranstaltungsraum des Co-Working Projekts im Viadukt.

 

Einen ebenfalls interessanten Arbeitsraum schaffte Santiago Calatrava mit seiner Bibliothek an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich. Um einen ovalen Luftraum herum sind Arbeitsplätze für Studierende angeordnet, die bei der konzentrierten Arbeit in der Bibliothek den Blick in den ruhigen Luftraum genießen können. Schaut man von oben in den Luftraum hinein, sieht man viele Reihen arbeitender Studenten. Von unten sieht der Raum leer und still aus.

 

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Bild 10: Die Bibliothek von Santiago Calatrava.

 

Der Freitag Flagshipstore ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie eine Marke ihre Werte in gebauten Raum umsetzen kann. Freitag stellt Taschen aus gebrauchten LKW-Planen, Autogurten und Fahrradschleuchen her. Nach dem Motto „From Truck Till Bag“ (Vom LKW zur Tasche) werden die Themen Urbane Mobilität und Upcycling durch die Materialität der Produkte aufgegriffen. Im gleichen Kontext bewegen sich auch der Bau und der Standort: Der Flagshipstore besteht mit seinen vier Verkaufsebenen aus gebrauchten Fracht-Containern; der Standort mit direktem Blick auf die stark befahrene Transitbrücke soll seinerzeit die Unternehmensgründer zu ihrem Produkt inspiriert haben.

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Bild 11: Im Freitag Flagshipstore steht die Mobilität im Vordergrund und kann – in Form der Transitbrücke – auf jeder Etage wahrgenommen werden.